Von Mäusen und Schelmen: der Faktor Mensch in der Wirtschaftsspionage

Nach einer schier endlosen Kette von Enthüllungen, die die NSA betreffen, scheint für jeden einigermaßen Medienkundigen ausgemacht, daß moderne Spionage im wesentlichen eine Sache des Cyberspace geworden sei. (Nicht nur) für die Wirtschaftsspionage darf diese gefällige Aussage bezweifelt werden. Zum einen, weil das Interesse an vertraulichen Informationen und Firmengeheimnissen auch Nachrichtendienste anspornt, die eine ganz andere Hochachtung vor der Arbeit mit menschlichen Quellen haben. Wer sich davon überzeugen möchte, sollte das Urteil des Stuttgarter Oberlandesgerichtes vom 2. Juli 2013 gegen ein russisches Spionage-Ehepaar sehr genau lesen, um zu begreifen, welchen Aufwand Dienste treiben, um Personen zur Wissensabschöpfung zu platzieren – und vor allem, mit welcher Weitsicht sie dabei vorgehen!

Etwas über eine Woche später konnte man im SPIEGEL mit ironischer Ungläubigkeit kommentiert außerdem die folgende Meldung lesen: „Der Föderale Schutzdienst (FSO) Rußlands, der unter anderem für die Sicherheit des Präsidenten und der Regierung zuständig ist, bestellte nach einem Bericht der Zeitung „Iswestija“ 20 Schreibmaschinen. Besonders heikle Dokumente sollen demnach nur auf Papier und nicht auf elektronischen Datenträgern archiviert werden, um sie zu schützen.“ (DER SPIEGEL, 11. Juli 2013)

Bevor Sie ob der technischen Rückständigkeit zu lachen beginnen: haben Sie für die wirklich wirklich wichtigen Informationen in Ihrem Unternehmen eine ähnlich radikale Lösung zur Hand?

Ob die Geschichte bloß gut erfunden ist oder nicht, sie zeigt, daß Geheimdienst-Profis jedenfalls die menschlichen Schwächen im Umgang mit Geheimnissen durchaus realistisch einzuschätzen wissen. Dies gilt natürlich auch für die US-Dienste. Denn in der Hauszeitschrift der CIA, den „Studies in Intelligence“, ist im März diesen Jahres ein spannender Beitrag über Informantenrekrutierung im Wandel der Zeit erschienen (Randy BURKETT: Rethinking an old Approach. An alternative Framework for Agent Recruitment. From MICE to RASCLS. Studies in Intelligence, 57, 2013: 7-17). Der Verfasser stellt dabei zwei Modelle der Agenten- oder Informanten-Führung gegenüber, die er jeweils in Akronymen skizziert: MICE vs. RASCLS – auf deutsch also eine Geschichte von Mäusen und Schelmen!

Das englische Akronym MICE steht für die vier klassischen Buchstaben der Informantenrekrutierung und bedeutet dabei:

  • Money, Ideology, Coercion/Compromise und Ego/Excitement.

Informantenwerber gehen mit der Zeit und so ist MICE mittlerweile dem erheblich differenzierteren RASCLS gewichen, ein Akronym, das sich der sozialpsychologischen Forschung über Einflußnahme und Überzeugung verdankt. Um welche Bedeutung geht es bei diesen Buchstaben?

  • Reciprocitation, Authority, Scarcity, Commitment/Consistency, Liking undSocial Proof“.

Aufmerksame Leser werden im zweiten der beiden Akronyme eine ganze Reihe von Aspekte wiedererkannt haben, die aus der modernen Vertriebspraxis ebenfalls gut bekannt sind. Und richtig: wer tatsächlich pro-aktiv und wirksam Industriespionage vermeiden will, muß weit vor der Bunker-Mentalität aus Zugangskontrollen und IT-Policies anfangen und sich auch auf die Psychologie der Einflußnahme konzentrieren. Denn in der globalisierten Wirtschaft funktioniert Unternehmensschutz nur, wenn gerade der einzelne Mitarbeiter dafür qualifiziert wird, sich selbst zu schützen! Es geht also tatsächlich darum, den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Unternehmenssicherheit zu stellen.

Hier geht es zu einer Langfassung dieses Beitrages und den Volltextbeitrag aus Studies in Intelligence (freier Download) finden Sie übrigens im Anschluß.

Burkett-MICE to RASCALS

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