Investigative Psychologie für die Unternehmenspraxis

Unser gemeinsames Fachbuch „Investigative Psychologie für die Unternehmenspraxis“ (mit Oliver Graf, dem Geschäftsführer der PROTEUS SECUR Consulting & Solutions GmbH) ist jetzt über Amazon / Kindle Direct bestellbar.

Den Leser erwartet eine fallorientierte Tour d‘ Horizon über psychologische Aspekte der Prävention und Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Wirtschaftsspionage: von nicht intendiertem Informationsabfluß, Psychopathie auf der Chefetage bis zu Personenschutz, Profiling und Integritätsmanagement.

Wir bieten einen praxisnahen Blick auf Möglichkeiten von investigativer Psychologie und integriertem Sicherheitsmanagement, um Unternehmen krisenfester zu machen.

…. viel Spaß bei der Lektüre!

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Prism und Tempora: wie machen die das eigentlich?

… oder präziser formuliert: was kommt nach dem Datenstaubsauger? Eine Frage, die man natürlich auch Facebook und Co. stellen kann und stellen sollte!

Natürlich wissen wir nicht mit Sicherheit, wie man sich die massenhafte automatisierte Auswertung von Internet-Kommunikation auf der Suche nach der „Stecknadel im Heuhaufen“ terroristischer Gefährdungssignale vorstellen soll. Wir wissen jedoch, daß es kein triviales Problem darstellt, Verhaltensprognosen vorzunehmen, wenn die Zielereignisse im Vergleich zur Gesamtstichprobe eine solch geringe Auftretenswahrscheinlichkeit haben. Vielleicht haben die Datenaufbereiter von NSA und GCHQ dieses Problem jedoch bereits gelöst, denn hier könnte gelten: in der Masse steckt die Wahrheit.

Falls dem so ist, welche Verfahren könnten Sie bei der automatisierten Analyse von Gefährdungssignalen einsetzen? Dem Interessenten kann dabei durch einen aktuellen Bericht der RAND Corporation geholfen werden. Seit kurzem nämlich liegt deren neuer Sammelband „Using Behavioral Indicators to Help Detect Potential Violent Acts“ der Öffentlichkeit vor.

Nachzulesen in Kapitel 6 sind dann z.B. die Auswertung psycholinguistischer Sprachmuster und Stilelemente (LIWC – wir haben darüber schon an anderer Stelle in diesem Blog geschrieben), die Inhaltsanalyse von Botschaften (insbesondere im Vergleich mit einem existierenden Korpus von Droh- und Gefährdungs-Kommunikation) sowie (natürlich) die massive Auswertung von Vernetzungsdaten.

Nimmt man alle drei Indikatoren-Gruppen zusammen, kann man sich durchaus vorstellen, daß bei der Menge von Informationen, die – geht man vom in der Presse gehandelten Volumen zumindest der Tempora-Aktivitäten der Briten aus – auflaufen, präzise Warnsignale möglich sind.

Leider bleibt das für die meisten von uns „Glaubenssache“: denn ohne Security-Clearing zur eigenständigen In-Anschauung-Nahme bleibt gerade bei Textmengen begrenzten Umfangs die Beobachtung im Gedächtnis, daß es oft „so richtig doch noch nicht passt“. Immerhin kann jeder selbst die Probe vornehmen, denn wer es einmal ausprobieren möchte, muß nur sein eigenes (oder ein anderes) Twitter-Handle in einer Kurzform von LIWC hier auf ein (eher robustes) Persönlichkeitsprofil hin untersuchen lassen … !

Psycholinguistisches Profiling und Autorenschaftsanalyse

Pennebaker und Kollegen haben für die Analyse der Inhalte und der sprachlichen Muster von Texten eine Software mit integriertem Wörterbuch entwickelt, das sog. „Linguistic Inquiry and Word Count” (LIWC; Pennebaker et al., 2001). LIWC stellt ein computergestütztes Textanalyseprogramm dar, das einzelne Wörter unter Rückgriff auf ein hinterlegtes Wörterbuch einer oder mehreren vordefinierten Sprachkategorien zuordnet, deren Auftretenshäufigkeit zählt und prozentual in Relation zur Textlänge darstellt.

Die englische Version umfasst 72 Wortkategorien mit mehr als 2 300 Wörtern bzw. Wortstämmen. Wörter können gleichzeitig mehreren Kategorien zugeordnet werden. So findet sich beispielsweise für das englische Wort „sad“ ein Eintrag in drei Kategorien: „Affect“, „Negative Emotions“ und „Sadness“. Die teilweise hierarchisch gegliederten LIWC-Kategorien decken ein breites Spektrum an grammatikalisch-linguistischen Variablen (z. B. Artikel, Pronomina) bzw. thematisch-inhaltlichen Bereichen (z. B. positive und negative Emotionen, kognitive Prozesse, soziale Prozesse) ab. Das LIWC-Wörterbuch wurde in mehreren Schritten entwickelt. Ausgangsidee war, Wortgruppen zu identifizieren, die grundlegende emotionale und kognitive Dimensionen der Sprache repräsentieren. Hierfür wurden in einer rationalen Vorgehensweise aus verschiedenen Quellen, wie z. B. Emotionsfragebögen, Wörterbüchern und Thesauren, Wörter gesammelt und den jeweiligen Kategorien des LIWC-Wörterbuchs zugeordnet. Jeder Eintrag wurde von mehreren unabhängigen Beurteilern hinsichtlich der Zugehörigkeit zu einer Kategorie eingeschätzt, wobei sich Prozentübereinstimmungen zwischen den Beurteilern von 93 % bis 100% ergaben (Pennebaker et al., 2001). Mit der Programm-Fassung LIWC 2007 (Pennebaker et al., 2011) liegt auch ein deutschsprachiges Wörterbuch vor. Ergebnisse zur Validität der deutschen LIWC-Version liefern Wolf et al. (2008).

LIWC ist sehr gut geeignet, um anonyme Drohungen oder anonyme Texte zu untersuchen und Rückschlüsse auf Persönlichkeit und psychologische Disposition des Verfassers zu ermöglichen!

Eine aktuelle Einführung in Konzepte und Erhebungsverfahren bietet Pennebaker (2011). Chung & Pennebaker (2011) bzw. Pennebaker & Chung (2008) dokumentieren den Einsatz des Verfahrens, für das mittlerweile u.a. auch arabische und russische Wörterbücher vorliegen, bei der Analyse von Transkripten von Terror-Botschaften und terroristischen Manifesten.

Literatur

Chung, C.K. & Pennebaker, J.W. (2011). Using Computerized Text Analysis to Assess Threatening Communications and Behavior. In: C. Chauvin (Ed.). Threatening Communications and Behavior: Perspectives on the Pursuit of Public Figures (3-32). Washington, D.C.: National Academic Press.

Newman, M.L., Groom, C.J., Handelman, L.D. & Pennebaker, J.W. (2008). Gender Differences in Language Use: an Analysis of 14.000 Text Samples. Discourse Processes, 45:211–236.

Pennebaker, J.W. (2011). The secret Life of Pronouns. What our Words say about Us. New York, NY.: Bloomsbury Press.

Pennebaker, J. W., Francis, M. E. & Booth, R. J. (2001). Linguistic Inquiry and Word Count – LIWC2001. Mahwah, N.J.: Erlbaum.

Pennebaker, J. W., Francis, M. E. & Booth, R. J. (2011). LIWC2007: Linguistic Inquiry and Word Count. Vers. 1.12. Austin, TX.: liwc net.

Pennebaker, J.W. & Chung, C.K. (2008). Computerized Text Analysis of Al-Qaeda Transcripts. In: K. Krippendorff & M. Bock (Eds.). A Content Analysis Reader (453-466). Thousand Oaks, CA: Sage.

Tausczik, Y.R. & Pennebaker, J.W. (2010). The psychological Meaning of Words: LIWC and computerized Text Analysis Methods. Journal of Language and Social Psychology, 29 (1): 24-54.

Wolf, M., Horn, A.B., Mehl, M.R., Haug, S., Pennebaker, J.W. & Kordy, H. (2008). Computergestützte quantitative Textanalyse. Äquivalenz und Robustheit der deutschen Version des Linguistic Inquiry and Word Count. Diagnostica, 54 (2): 85-98.