Hintergründe zum Nicht-Erklärbaren? Zur Persönlichkeit jugendlicher Amok-Täter

Noch immer überschlägt sich die Berichterstattung über den Massenmord an der Grundschule in Newtown in Connecticut (USA). Das Bedürfnis, für ein furchtbares und als besonders sinnlos erlebtes Verbrechen möglichst schnell möglichst eingängige Erklärungen zu finden, ist verständlich, aber fatal.

Da die Vermutung im Raum steht, der Täter habe am Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, gelitten, melden sich bereits Patientenverbände zu Wort, um gegen eine ebenso falsche, wie vermeintlich eingängigen Botschaft zu protestieren: der Amok-Läufer hatte Asperger, also sind Asperger-Patienten potentielle Gewalttäter. Um der Wahrscheinlichkeits-Rechnung die Ehre zu geben – so gesehen sind wir vermutlich alle „potentielle Gewalttäter“!

Die wenigen systematischen Studien zum Thema, wie etwa die Forschungsarbeiten des US-Psychologen Peter Langman (z.B. Rampage School Shooters: a Typology, in:  Aggression and Violent Behavior 14 (2009), S. 79–86) erlauben tatsächlich eine gewisse Differenzierung von Tätertypen. So unterscheidet Langman in einer Post-hoc psychologischen Diagnose von 10 Schul-Amok-Tätern vorläufig drei Typen: psychotische, traumatisierte und psychopathische Täter, also solche mit einer Persönlichkeitsstörung:

Dabei zählen (angesichts der kleinen Stichprobe mit Vorsicht zu interpretieren) die Täter mit einer Persönlichkeitsstörung zur kleinsten Gruppe, allerdings mit dem Potential, besonders schwere Wirkung zu entfalten, indem sie weitere Mittäter anstiften: „Though it might seem logical to think that mass murderers are psychopaths, most of the school shooters in this study were not psychopathic. In addition to their psychopathic personalities, the two shooters in this category came from families with long histories of legal firearms use, and both boys were obsessed with weapons. They also both recruited peers to support them in their attacks.“

Für die Prävention am wichtigsten dürfte die Gruppe der psychotisch Auffälligen sein. Hier anzusetzen, macht für viele Schul-bezogene Amokpräventions-Programme tatsächlich Sinn, obwohl ohne entsprechende Verstärkung von Hilfsangeboten oder einen Ausbau der schulpsychologischen Dienste leicht der Eindruck entstehen kann, hier gehe es darum, eine bloss scheinbare Sicherheit zu erzielen, denn die Fälle der Vergangenheit zeigen ja gerade, daß selbst Täter, die bereits in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung waren, dennoch nicht von der Ausführung ihrer Tat abgehalten werden konnten: „Among the psychotic shooters, the most common psychotic symptom was paranoia. All the psychotic shooters experienced some level of paranoid thinking. Other symptoms, such as grandiose delusions, auditory hallucinations, and disorganized thoughts, occurred in several of the psychotic shooters. In addition to their psychotic features, the shooters in this category had higher-functioning siblings, which left them feeling like failures within their families. They also had several features that are associated with violence among schizophrenics: they were male, had early onsets of psychotic symptoms, engaged in substance abuse, and did not take antipsychotic medications.“

Die dritte Gruppe, die Langman skizziert, die sog. traumatisierten Täter, zeigen zwei weitere wichtige Facetten auf. Zum einen wird deutlich, welche zerstörerische Dynamik im Zusammenwirken eines psychopathischen „Antreibers“ und eines traumatisierten „Mittäters“ in einer Amok-Situation entstehen kann: „The traumatized shooters shared two key factors that differentiate them from other traumatized children. First, they had father-figures who engaged in the illegal use of firearms. In fact, two of the three boys had fathers in armed stand-offs with police. The fathers may have served as role models for public rampages with firearms. Second, all three traumatized shooters had peer support for the attacks. In each case, friends of the perpetrators were arrested for their roles in encouraging the shooters.“

Zum anderen weist der Blick auf Familienbiographie und Sozialisation eindrücklich darauf hin, daß selbst ein deutlich verschärfter Zugang zu Feuerwaffen die tiefen kulturellen Wurzeln, die den Umgang mit Gewalt in einer Gesellschaft bahnen, in den USA den „Ausweg Amoklauf“ aus inneren Krisen immer wahrscheinlicher sein lassen als z.B. in Europa, weil ein kulturell und grundrechtlich verankertes positives Bild des sich selbst verteidigenden und die autonomen Interessen wahrenden Schützen existiert, das für Westeuropa wohl allenfalls in der Schweiz ähnlich verankert sein könnte.

Der Ausflug in die Psychopathologie des Schulamoks und die kulturelle Tiefenpsychologie des Waffenbesitzes macht zwar deutlich, daß es einfache Lösungen nicht geben wird, unterstreicht aber auch die Priorität gesetzlicher Regelungen.

Ohne eine klare Regulierung des Zugangs zu Waffen wird es nicht gehen.

Sicher ist jedoch: damit ist nur ein erster Anfang gemacht, denn ein Blick auf die Zahlen zeigt, daß auch in der Bundesrepublik „mehr USA“ ist, als wir gemeinhin denken.

Ein Vergleich mit Daten, die kurzfristig aus dem Internet gezogen worden sind, mag das illustrieren: in Massachusetts waren 2007 bei einer Einwohnerzahl von etwas über 6,4 Millionen Menschen ca. 240.000 firmearms permits registriert, d.h., ca. jeder 26. Einwohner verfügte über eine Waffenlizenz. In Rostock entfallen aktuell auf 205.000 Einwohner 5.100 registrierte Schusswaffen, d.h., auf etwa jeden 40. Rostocker kommt eine legal angemeldete Waffe! Die Statistik hinkt, weil hinter den Lizenzen in Neuengland durchaus auch mehrere Waffen und vor allem auch halbautomatische Gewehre stehen können (laut Presseberichten wurden die Opfer in Newtown fast ausnahmslos mit einer solchen halbautomatischen Waffe getötet).

Dennoch überrascht die Zahl, denn „normalerweise“ werden die Daten im Vergleich Deutschland USA als deutlich stärker auseinander liegend eingeschätzt!

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